Das Ausmaß an Geborgenheit und emotionaler Wärme ist entscheidend, ob das Immunsystem des Kindes sich gut und stabil entwickelt ebenso, wie gut es mit der Welt und den Menschen in gesunde Beziehungen und Kontakt gehen kann. Man weiß heute, dass das Fehlen von emotionaler Zuwendung der Eltern zum Kind das Entscheidende ist, ob und wie sehr ein Kind Entwicklungstraumen ausbildet und wie sehr es fähig ist, gesunde Grenzen und gesunde Beziehungen im Erwachsenenalter entwickeln zu können. Natürlich spreche ich auch von Misshandlung und systemischer Vernachlässigung. Kurz um, wenn nicht auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen wird, kann sich keine Bindung zwischen Kind und Elternteil ausbilden. Das Kind wird ganz automatisch Muster und Wege entwickeln, um in dieser Familie zu überleben. Diese Muster sind in der Kindheit wunderbar, um sich anzupassen, zu überleben in der Familie. Jedoch später im Erwachsenenalter werden diese Muster zu einer Zwangsjacke, da das Nervensystem weiterhin so aggiert, als wäre es in der Kindheit stecken geblieben.
Hinzu kommt, dass der Stresslevel des Kindes andauernd überhöht ist. Also eine ständige Erhöhung der Stresshormone im Blut, Adrenalin, Noradrenalin und auch Cortisol. Es ist durch Studien, wie die ACE Studie aus der USA, heute erwiesen, das frühe Traumen, Entwicklungstraumen einen großen Einfluss auf das Immunsystem haben. Die Entzündungswerte waren durchweg erhöht bei Probanden, die in der frühen Kindheit Misshandlung oder Vernachlässigung erlebt haben. Je liebloser, vernachlässigender oder gewalttätiger es in der Herkunftsfamilie zuging desto deutlicher waren erhöhte stressbedingte Entzündungswerte.
Ein liebevolles und Halt gebendes Zuhause wirkt immunologisch wie ein Schutzmantel. Ein sicher gebundenes Kind nimmt Stressoren kaum wahr. Warum auch? Es gibt die Eltern, die sich um alles kümmern, die dafür sorgen, das dem Kind nichts passiert. Diese gedämpfte Stressreaktion auf alles Unangenehme endet erst in der Vorpubertät.
In einer weniger gesunden kindlichen Immunentwicklung überträgt sich der Stress schon während der Schwangerschaft auf das Kind. Mögliche Gründe können sein: Sie ist mit einem gewalttätigen Partner zusammen, hat finanzielle Sorgen, oder ist womöglich nicht sicher, ob sie das Kind bekommen möchte. Dieser Stress bedingt einen erhöhten Cortisolspiegel im Blut. In den letzten drei Monaten der Schwangerschaft steigt der Cortisolspiegel ganz physiologisch noch einmal an. So wird das Ungeborene vor Entzündungen stärker geschützt. Nun wird das Kind geboren und hat nun einen unnatürlich überhöhten Cortisolspiegel. Das führt zu einer stark verminderten zellulären Abwehr. Das Neugeborene ist so sehr gefährdet Infektionen gegenüber als auch allergischen Störungen, wie Asthma.
Bei vernachlässigten oder misshandelten Kinder hat das Immunsystem keine Möglichkeit, in gesunder Weise zu reifen.
Diese Kinder haben keinen immunologischen Schutzmantel durch die Eltern, der sie behütet heranwachsen lässt. Durch ihren Körper zirkuliert ein ständig überhöhter Cortisolspiegel. Ihr geschwächtes Immunsystem führt zu mehr Entzündungen, die nicht ausreichend herunter reguliert werden können. Diese wiederum schwächt das Immunsystem. Es ist ein Teufelskreis. Hier können sich Allergien, Asthma oder auch das Reizdarmsyndrom ausbilden.
Quelle: Christian Schubert, Was uns Krank macht, korrektur Verlag, 2. Auflage 2020
